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Time Preference

Wie wir Gegenwart und Zukunft abwägen

Heute ausgeben oder etwas für später zurücklegen? Time Preference beschreibt, welche Rolle der Zeitpunkt dabei spielt. Ersparnisse allein verraten wenig über Geduld: Einkommen, Bedürfnisse und das Vertrauen in ein künftiges Versprechen zählen ebenfalls.

Time Preference, auf Deutsch Zeitpräferenz, beschreibt die Bewertung derselben Befriedigung zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt bei sonst gleichen Umständen. Wer die Gegenwart stärker bevorzugt, verlangt einen größeren Ausgleich für das Warten. Bei niedrigerer Zeitpräferenz hat künftige Befriedigung im Verhältnis zur heutigen mehr Gewicht. Der Begriff hilft, Konsum und Sparen zu verstehen; er misst weder den Wert eines Menschen noch unmittelbar einen Zinssatz.

Anna kann dasselbe angenehme Erlebnis heute oder später haben. Nehmen wir an, sie hat an beiden Terminen gleich viel Zeit, ist gleich gesund und kann sich gleichermaßen darauf verlassen, dass es stattfindet. Bevorzugt sie heute nur deshalb, weil es früher ist, zeigt sich darin Zeitpräferenz. Die gleichen Umstände sind wichtig: Erholung nach einem anstrengenden Tag muss nicht denselben Wert haben wie Erholung nach einem Urlaub. Auf dieser Bedingung baut Ludwig von Mises seine Darstellung in Human Action auf. Er behauptet damit nicht, dass eine kleine Freude heute jeden großen künftigen Nutzen überwiegt. Verglichen wird der Zeitpunkt derselben Befriedigung. Sein theoretisches Argument ist von einer experimentellen Messung persönlicher Geduld zu unterscheiden. [1]

Ein Angebot von 100 heute oder 110 in einem Jahr wirkt ähnlich, verändert aber Zeitpunkt und Betrag zugleich. Anna wird fragen, ob die andere Seite wirklich zahlt und was sie dafür kaufen kann. Das heutige Geld könnte sie auch anders verwenden, etwa für die Rückzahlung teurer Schulden. Ihre Antwort verbindet deshalb ihre Haltung zum Warten mit Risiken, Preisen und anderen Möglichkeiten. Der Überblick von Shane Frederick, George Loewenstein und Ted O’Donoghue zeigt, wie viele Einflüsse beim Aufschieben von Konsum zusammenkommen. Ein einzelnes solches Angebot legt nicht zuverlässig den gesamten Charakter eines Menschen offen. [3]

Jan muss die Miete vor dem nächsten Gehalt zahlen. Ohne Rücklage und ohne erreichbaren Kredit nimmt er einen kleineren Betrag sofort, obwohl er sorgfältig vorausplant. Seine Lage entscheidet, nicht unbedingt eine Abneigung gegen das Warten. Ökonomen sprechen hier von einer Liquiditätsbeschränkung: Nutzbares Geld fehlt genau dann, wenn es gebraucht wird. Hohe Ersparnisse können umgekehrt auf hohes Einkommen, eine Erbschaft oder Unsicherheit zurückgehen. Ersparnisse und Schulden sind kein Maßstab für den Wert eines Menschen. Um eine Entscheidung zu verstehen, muss man zuerst die tatsächlich verfügbaren Möglichkeiten kennen. [2] [3]

Anna nimmt sich abends vor, ihr nächstes Gehalt zurückzulegen. Als es eintrifft und ein verlockender Kauf greifbar wird, ändert sie ihren Plan. Diese zusätzliche Anziehung sofort verfügbarer Belohnungen nennt man present bias, also eine besondere Bevorzugung der Gegenwart. David Laibson bildet sie in Golden Eggs and Hyperbolic Discounting ab. Daraus kann Zeitinkonsistenz entstehen: Eine spätere Entscheidung widerspricht dem früheren Plan, obwohl sich die wesentlichen Umstände nicht geändert haben. Das unterscheidet sich von einer gleichbleibenden, auch starken Vorliebe für frühen Konsum. Das Modell erklärt zudem, warum Menschen sich das Ausgeben manchmal bewusst vorab erschweren, um ihre Pläne einzuhalten. [4]

In einem einfachen Modell erhält künftiger Nutzen ein geringeres Gewicht; Nutzen bezeichnet dabei die Befriedigung durch ein Ergebnis. Bei einem konstanten Faktor delta beträgt das Gewicht nach t Perioden delta^t. Wählt man delta = 0,95, ergibt sich nach zwei Perioden 0,9025. Das ist ein Beispielwert, keine gemessene Eigenschaft aller Menschen. Um daraus Geldbeträge abzuleiten, braucht man außerdem eine festgelegte Periodenlänge und eine Nutzenfunktion, die den Zusammenhang zwischen Betrag und Befriedigung beschreibt. Laibsons Modell benachteiligt verzögerte Ergebnisse zusätzlich gegenüber dem sofortigen. Konstante Diskontierung und present bias beschreiben also unterschiedliche Muster. [3] [4]

Wer Geld verleiht, verzichtet darauf, es jetzt selbst zu verwenden. Das verbindet Warten und Zins, doch der Zins eines konkreten Kredits ist mehr als ein Preis für Geduld. Irving Fisher verknüpft in seiner Theorie die Bereitschaft, Konsum aufzuschieben, mit Investitionsmöglichkeiten und künftigen Einkommen. Bei einem echten Kredit zählen außerdem Ausfallrisiko, erwartete Inflation und die Verfügbarkeit von Geld. Inflation ist ein Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, der die Kaufkraft des Geldes mindert. Derselbe Zinssatz kann daher unter sehr unterschiedlichen Bedingungen entstehen und verrät nicht die Zeitpräferenz einer ganzen Gesellschaft. [2]

In Bitcoin-Debatten heißt es oft, Sparen in Bitcoin fördere langfristiges Planen. Für einzelne Menschen kann das eine Erfahrung sein, die sich zu beschreiben lohnt. Allein das Halten von BTC belegt die Ursache jedoch nicht. Vielleicht haben sich Menschen für Bitcoin entschieden, die schon vorher gern vorausplanten; auch Einkommen oder wachsendes Vermögen könnten ihr Verhalten verändert haben. Zudem schwankt der Bitcoin-Preis, sodass ein langer Zeithorizont kein Ergebnis garantiert. Die Regeln zur begrenzten Ausgabe sind eine Eigenschaft des Netzwerks. Wer behauptet, ein Kauf habe Geduld verändert, braucht gesonderte Belege zum Verhalten davor und danach sowie zu anderen Einflüssen. [3] [5]

Wird einer Gruppe eine niedrige Zeitpräferenz zugeschrieben, lohnt die Frage, was tatsächlich gemessen wurde. Ging es um eine echte Belohnung oder nur eine hypothetische Antwort? Waren Zeitpunkte, Risiken und finanzielle Möglichkeiten vergleichbar? Wiederholte Entscheidungen unter ähnlichen Bedingungen sagen mehr als ein einzelner Kauf oder Kontostand. Auch dann bleibt die Schätzung an ein bestimmtes Modell und eine Situation gebunden, statt ein abschließendes Urteil über Menschen zu liefern. Am meisten hilft der Begriff, wenn er Entscheidungen zwischen heute und später verständlich macht, ohne die Lebensumstände auszublenden. [3] [4]

Für ein möglichst vollständiges Bild lies diesen Eintrag zusammen mit Capital Goods, Solides Geld, Marginal Utility, Human Action, Bitcoin. Auf diesen Eintrag verweisen außerdem Österreichische Schule, Marginal Utility, Ordinal Utility, Opportunity Cost.

DOC · 001Mises — Human Action, XVIIIPrimärquelle DOC · 002Fisher — The Theory of Interest, XXIPrimärquelle DOC · 003Frederick, Loewenstein and O’Donoghue — Time Discounting and Time PreferencePrimärquelle DOC · 004Laibson — Golden Eggs and Hyperbolic DiscountingPrimärquelle DOC · 005Bitcoin.org — Saving and volatility FAQDokumentation
Überarbeitet: Quellenbasiert · Keine Anlageberatung