Eugen von Böhm-Bawerk (1851–1914) war österreichischer Ökonom und Finanzminister. Er beschäftigte sich mit Kapital, also den in der Produktion eingesetzten Mitteln, und mit Zinsen. Zinsen kennst du etwa von einem Kredit: Sie sind die Zahlung dafür, das Geld eines anderen für eine bestimmte Zeit nutzen zu dürfen. Er erklärte, warum Menschen heute verfügbare Mittel anders bewerten können als vergleichbare Mittel, die erst später verfügbar werden.
Böhm-Bawerk wurde in Brünn geboren, lehrte in Innsbruck und war mehrfach Finanzminister. Ab 1904 war er Professor in Wien. Diese Aufgaben geben seinem Werk einen Kontext: Er war Theoretiker und zugleich in der öffentlichen Verwaltung tätig. Für sich genommen beweisen sie jedoch nicht die Richtigkeit seiner wirtschaftlichen Argumente. Trenne beim Lesen daher die Frage nach seiner Person von der Frage, ob seine Erklärung von Zeit, Kapital und Zins überzeugt. [1]
In der Positiven Theorie des Kapitales nennt er drei Gründe. Jemand kann heute schlechter versorgt sein als in Zukunft und deshalb gegenwärtige Mittel dringender brauchen. Er kann auch künftigen Nutzen unterschätzen, weil ferner liegende Bedürfnisse weniger wichtig erscheinen. Außerdem können schon heute verfügbare Mittel ein längeres Produktionsverfahren ermöglichen, das mehr hervorbringt. Das sind unterschiedliche Argumente: Bedarf, Bewertung der Zukunft und eine Produktionsmöglichkeit. Böhm-Bawerk verbindet sie in seiner Theorie; er bietet keine Formel, in die man drei Zahlen einsetzt, um den heutigen Kreditzins zu erhalten. [2]
Der Autor beschreibt einen Fall, in dem die ersten beiden Gründe zusammen gegenwärtigen Gütern, also bereits nutzbaren Dingen, einen Vorteil von 30 % geben, die Produktionsmöglichkeit dagegen einen von 25 %. Das Ergebnis ist nicht 55 %, sondern in diesem Beispiel 30 %. Der Grund ist einfach: Dieselben Mittel lassen sich nicht zugleich vollständig heute verbrauchen und vollständig in künftige Produktion investieren. Es sind alternative Verwendungen. Die ersten beiden Faktoren können sich in seiner Darstellung verbinden, der Produktionsvorteil kommt aber nicht als weitere unabhängige Belohnung hinzu. Das Beispiel lehrt, Möglichkeiten zu vergleichen, statt dieselbe Ressource doppelt zu zählen. [2]
Zurück zu unserer Werkstatt: Bauen die Menschen zunächst eine Maschine, statt sofort Güter herzustellen, kommt das Ergebnis möglicherweise erst später. Während der Arbeit benötigen sie trotzdem Nahrung und andere Mittel. Deshalb betont Böhm-Bawerk die Verfügbarkeit gegenwärtiger Güter: Sie überbrücken die Zeit bis zum fertigen Produkt. Ein Produktionsumweg nutzt Zwischenschritte, die wirksamer sein können; er bedeutet nicht bloßes Nichtstun. Ein Projekt im Kalender zu verlängern schafft noch kein besseres Ergebnis. Es braucht ein vorteilhafteres Verfahren und die Mittel, um es zu Ende zu führen. [3]
Im Streit mit J. B. Clark unterschied er die gesamte Geschichte seit dem frühesten Einsatz von der durchschnittlichen Zeit zwischen dem schrittweisen Einsatz von Arbeit beziehungsweise der Nutzung von Boden in der Produktion und dem fertigen Produkt für die Verbraucher. Unser vereinfachtes Beispiel: Ein gleich großer Arbeitseinsatz erfolgt 10 Monate vor Fertigstellung, der andere 2 Monate davor. Die durchschnittliche Wartezeit dieser Einsätze beträgt 6 Monate. Das ist weder das Alter des ältesten Werkzeugs noch automatisch die Dauer der gesamten Produktionsgeschichte. Das Beispiel erklärt den Unterschied der Messweisen, nicht einen vollständigen realen Betrieb. [3]
Eine Maschine kann bei gleicher Zahl von Arbeitstagen mehr Güter hervorbringen. Das ist technische Produktivität. Ein Investor betrachtet aber auch den Preis des Ergebnisses, die eingesetzten Mittel und ihre Bindungsdauer. Derselbe Gesamtgewinn zu einem späteren Zeitpunkt ist nicht dieselbe jährliche prozentuale Rendite. In seiner Antwort an Clark behandelt Böhm-Bawerk genau diese Verwechslung zweier Produktivitätsbegriffe. Den technischen Vorteil eines längeren Verfahrens können höhere Zinskosten über die längere Zeit ausgleichen. Von „Wir stellen mehr her“ darf man daher nicht unmittelbar auf „Die Investition rentiert sich stärker“ schließen. [3]
Böhm-Bawerk wies ausdrücklich die Deutung zurück, seine Zinstheorie belohne schmerzhafte Enthaltsamkeit. Ein wohlhabender Mensch kann Mittel investieren und weiterhin bequem leben; ein hungernder Investor ist keine Voraussetzung seiner Theorie. Entscheidend sollen die unterschiedliche Bewertung gegenwärtiger und künftiger Güter sowie die frühere Verwendbarkeit heutiger Mittel sein. Damit trennt er auch die wirtschaftliche Erklärung vom moralischen Urteil, ob jemand ein Einkommen durch Mühe verdient. Dass Produktion Zeit braucht, beweist nicht, dass jeder Zinsbezieher persönlich Entbehrungen erlitten hat. [3]
Böhm-Bawerk starb 1914, lange vor Bitcoin. Wir können seine Begriffe in heutigen Diskussionen verwenden, doch die Schlussfolgerung stammt dann von uns. Frage bei einem Renditeangebot, wofür die Mittel tatsächlich eingesetzt werden, wie lange sie gebunden bleiben und ob das versprochene Ergebnis überhaupt eintritt. Bitcoin zu halten ist nicht dasselbe, wie einen Produktionsumweg zu finanzieren. Wer anderen Mittel leiht, muss zudem deren Verpflichtung und Rückzahlungsfähigkeit betrachten. Die historische Theorie ordnet die Fragen, bestätigt aber nicht die Sicherheit eines heutigen Produkts. [1] [3]
Für ein möglichst vollständiges Bild lies diesen Eintrag zusammen mit Carl Menger, Capital Goods, Roundabout Production, Time Preference, Bitcoin.