Stellen Sie sich ein Metall vor, von dem Menschen über lange Zeit große Mengen angesammelt haben. Die Minen fügen jährlich nur einen kleinen Teil hinzu. Stock-to-Flow vergleicht genau diese Größen: den vorhandenen Bestand und das Tempo der Neuproduktion. So lässt sich der Zuwachs zum bereits Vorhandenen ins Verhältnis setzen. Bei Bitcoin geht es um ausgegebene Coins und durch Mining neu entstehende Coins. Was Menschen dafür bezahlen, verrät das Verhältnis jedoch nicht. Wer den Preis vorhersagen will, muss ein Preismodell entwickeln und prüfen. Ein hohes Verhältnis allein garantiert keinen Preisanstieg.
CFA Institute, eine Organisation für die Weiterbildung von Anlagefachleuten, unterscheidet den Bestand S von der jährlichen Neuproduktion F. Unser einfaches Beispiel: Es existieren 1 000 Einheiten, jährlich kommen 50 hinzu. S/F ergibt 20 Jahre. Bei unverändertem Tempo würde es so lange dauern, eine Menge in Höhe des heutigen Bestands neu zu produzieren. Das bedeutet nicht, dass der Bestand nach 20 Jahren aufgebraucht ist, verbraucht werden muss oder das Ergebnis einen Preis darstellt. Gemessen wird das Zuwachstempo, nicht die verbleibende Lebensdauer. Dafür müssen die Mengen zusammenpassende Einheiten haben und der Zeitraum des Zuflusses klar sein. [1]
BTC ist die Einheit für Bitcoin-Mengen. Bei Bitcoin können wir mit den bis zu einem bestimmten Datum ausgegebenen Coins beginnen. Unser angenommener Bestand von 20 000 000 BTC unterscheidet sich von der üblicherweise genannten Grenze von 21 000 000 BTC, die der Eintrag 21 Million erläutert. Die Grenze enthält auch noch nicht entstandene Coins; sie ersetzt im Rechenweg nicht automatisch den heutigen Bestand. Bitcoin.org erklärt zudem den Verlust privater Schlüssel, also der geheimen Daten, mit denen eine Wallet Zahlungen signiert: Coins bleiben verzeichnet, doch ihr Besitzer kann sie womöglich nicht mehr ausgeben. Wer sie abziehen möchte, braucht eine Schätzung und muss die Methode erläutern. Lange Inaktivität einer Adresse allein beweist keinen Schlüsselverlust. Unsere Zahl ist ein Beispiel, keine aktuelle Messung. [7]
Bitcoin Core v30.0 ist eine Version der Software, die Bitcoin-Zahlungen und Blöcke prüft. Die Blöcke fassen Zahlungen zusammen und werden in die gemeinsame Aufzeichnung des Netzwerks aufgenommen. Der Code für das Hauptnetz halbiert die Subvention alle 210 000 Blöcke und sieht einen angestrebten Blockabstand von 600 Sekunden vor. Block Subsidy heißt dieser neu geschaffene Teil der Vergütung. Bei vollständig ausgeschöpfter Subvention von 3,125 BTC und angenommenen 144 Blöcken täglich über 365 Tage ergibt sich ein Jahresfluss von 164 250 BTC. Die tatsächliche Blockzahl eines Kalenderjahres kann abweichen. Miner erhalten außerdem Transaktionsgebühren, doch dabei wechseln bestehende Coins den Besitzer. Nur die Subvention ist Neuproduktion. Das gesamte Einkommen als Emission anzusetzen würde den gesuchten Zufluss daher künstlich erhöhen. [3] [2]
Halving, die Halbierung der Subvention, senkt das Tempo der Neuausgabe. Halten wir zum Vergleich den Modellbestand bei 20 000 000 BTC fest: Ein Jahresfluss von 328 500 ergibt 60,88 Jahre, ein Fluss von 164 250 dagegen 121,77 Jahre. Das Verhältnis verdoppelt sich; daraus folgt keine Anweisung, den Preis zu verdoppeln. Gelten im betrachteten Jahr genau zur Hälfte das alte und zur Hälfte das neue Ausgabetempo, beträgt der Modellfluss 246 375 und das Verhältnis 81,18. Eine rückblickende Jahressumme kann somit von der Hochrechnung der heutigen Rate abweichen. Vor einem Vergleich von Grafiken muss klar sein, welche Variante gemeint ist. [2]
Denken wir an einen positiven Bestand und einen Zufluss F = 0. Dann ist S/F nicht definiert, weil man nicht durch null teilen kann. Dass das Verhältnis wächst, wenn der Zufluss gegen null geht, heißt aber nicht, dass ein Käufer einen unendlichen Preis bietet. Bitcoin Core berechnet die Subvention in ganzen satoshi, den kleinsten Bitcoin-Einheiten. Wiederholte Halbierungen beenden deshalb schließlich die neue Subvention. Gebühren können weiterhin von Nutzern an Miner fließen. Keine Neuausgabe bedeutet nicht keine Vergütung und sagt für sich genommen nichts über die Kaufkraft bestehender Coins. Diese hängt weiterhin von tatsächlicher Nachfrage und Tausch ab. [2]
World Gold Council, eine Organisation für den Goldmarkt, trennt bereits gefördertes Gold, den sogenannten oberirdischen Bestand, von Gold in noch nicht abgebauten Lagerstätten. Auch neue Förderung und Recycling werden unterschieden. In unserem Modell ergeben 200 000 Tonnen oberirdischer Bestand und 4 000 Tonnen jährliche Förderung ein Verhältnis von 50 Jahren. Werden 1 000 Tonnen Recycling zum Zufluss addiert, kommt 40 heraus. Das Einschmelzen von Schmuck hat den gesamten oberirdischen Bestand aber nicht vergrößert; das Metall hat nur Form oder Besitzer gewechselt. Recycling ist für das Marktangebot wichtig, jedoch keine neue Förderung. Dies sind keine aktuellen Statistiken. Der Vergleich zeigt, warum beide Größen gleich definiert sein müssen. [4] [5]
Store of Value bezeichnet die Fähigkeit, für die Zukunft zu bewahren, was Sie sich von Ihren Ersparnissen kaufen können: Ihre Kaufkraft. Ein hohes Stock-to-Flow kann Überlegungen zu langsam wachsendem Angebot stützen, garantiert diese Fähigkeit aber nicht. CFA Institute behandelt deshalb auch Grenzen des Preismodells. Die weiterführende Formel log(P) = a + b × log(S/F) verbindet den Preis P über Logarithmen mit dem Verhältnis; a und b müssen erst aus Daten geschätzt werden. Logarithmen helfen beim Umgang mit stark unterschiedlichen Größen, ergänzen aber keine fehlende Nachfrage. Autorinnen und Autoren müssen Währung, Zeitraum und das Ziel festlegen: Preis oder Gesamtwert aller Coins. Passende historische Kurven beweisen keine Ursache; beim gleichen Verhältnis können Preise steigen oder fallen. [1]
Joseph Simonian beschreibt bei CFA Institute Research Foundation Überanpassung: Ein Modell kann die Vergangenheit gerade deshalb hervorragend abbilden, weil es zu stark auf sie zugeschnitten wurde. Er warnt auch vor Informationen, die im getesteten Zeitraum noch unbekannt waren. Eine praktische Prüfung: Parameter mit Daten bis 2020 schätzen und anschließend an späteren Daten testen, ohne rückwirkend nach dem Ergebnis auszuwählen. Prüfen sollte man Fehler, Prognosehorizont und den Vergleich mit einer einfachen Schätzung, etwa dem letzten bekannten Preis. Weder eine schöne historische Kurve noch ein eng gezeichnetes Band garantiert ein künftiges Kursziel. Ein Verhältnis und eine validierte Prognose bleiben verschieden. [6]
Für ein möglichst vollständiges Bild lies diesen Eintrag zusammen mit 21 Million, Halving, Block Subsidy, Store of Value, Bitcoin Core. Auf diesen Eintrag verweisen außerdem Saifedean Ammous, Stock-to-Flow Model, The Bitcoin Standard.