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Fiduciary Media

Fiduziäre Umlaufmittel: wenn Geldversprechen die Reserve übersteigen

Stell dir vor, Paul bezahlt einen Händler mit einem Beleg, den eine Bank jederzeit gegen Goldmünzen einzulösen verspricht. Der Händler nimmt ihn an, weil er der Einlösung ebenso vertraut wie den Münzen selbst. Was aber, wenn die Bank weniger Münzen besitzt, als sie insgesamt versprochen hat? Den Teil dieser Geldersatzmittel oberhalb der Reserve nennt Ludwig von Mises Fiduciary Media. Entscheidend ist nicht Papier oder Bildschirm, sondern das Verhältnis zwischen Versprechen und bereitstehendem Geld.

Fiduciary Media ist ein Begriff aus Mises’ Geldtheorie. Er bezeichnet den Teil der Geldersatzmittel, der nicht durch eine entsprechende Reserve an Geld selbst gedeckt ist. Zunächst müssen Menschen den Ersatz jedoch aufgrund ihres Vertrauens in die sofortige Einlösung als gleichwertig mit Geld annehmen. Der Begriff meint nicht jede Schuld oder sämtliches Fiatgeld. Fiatgeld meint hier Geld, das selbst keinen Anspruch auf Auszahlung einer anderen Geldart, etwa Gold, verkörpert. Eine unvollständige Geldreserve bedeutet auch nicht zwingend, dass der Herausgeber keine anderen Vermögenswerte besitzt.

In unserem Beispiel erwartet der Händler keinen langen Streit um die Auszahlung. Er rechnet damit, den Beleg jederzeit ohne Verzögerung und Kosten gegen das versprochene Geld einzutauschen. Mises sieht dieses Vertrauen als Voraussetzung eines Geldsubstituts: eines Anspruchs, der anstelle von Geld verwendet wird. Das Versprechen einer Zahlung erst in einigen Jahren gehört nicht automatisch dazu. Es zählt nicht nur der Wortlaut auf dem Papier, sondern auch, ob die Einlösung tatsächlich funktioniert. [1]

Nehmen wir unser vereinfachtes Beispiel: Eine Bank hat Geldersatzmittel über 100 Einheiten ausgegeben und hält eine verfügbare Geldreserve von 60. Der darüberliegende Teil von 40 ist in Mises’ Einteilung Fiduciary Media. Die gedeckten 60 entsprechen seinen Geldzertifikaten. Wir vergleichen dieselben Einheiten und abgegrenzte Verpflichtungen, nicht ohne Umrechnung den Gebäudewert mit Goldmünzen. Das erläutert eine theoretische Unterscheidung und berechnet keine heutige aufsichtsrechtliche Vorgabe. [1]

Pauls Beleg muss keine besondere Farbe tragen, die ihn dem gedeckten Teil zuordnet. Mises weist darauf hin, dass sich die Unterscheidung normalerweise auf alle ausgegebenen Ersatzmittel und die Reserve bezieht, nicht auf eine Markierung einzelner Stücke. Dafür brauchen wir Angaben zum Herausgeber. Am Aussehen einer Banknote oder am Kontostand erkennen wir nicht, wie viel Geld allen vergleichbaren Ansprüchen gegenübersteht. Die Einteilung allein legt auch nicht fest, was eine bestimmte Person bei Schwierigkeiten erhalten würde. [1]

Neben Geld kann eine Bank Kreditforderungen besitzen: Schuldner sollen ihr im Laufe der Zeit Zahlungen leisten. In Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel beschreibt Mises, dass den ausgegebenen Bankverbindlichkeiten Kredite oder andere unternehmerische Investitionen gegenüberstehen können. Diese Werte sind nicht automatisch heute auszahlbares Geld. Die Frage vollständiger Gelddeckung ist deshalb etwas anderes als die viel stärkere Behauptung, der Herausgeber besitze überhaupt nichts. [2]

Stell dir vor, viele Kunden verlangen ihr Geld sofort, während die Bank auf Raten langfristiger Kredite wartet. Auch werthaltige Forderungen lassen sich womöglich nicht schnell zum nötigen Preis verkaufen. Das ist ein Liquiditätsproblem: fällige Verpflichtungen nicht rechtzeitig erfüllen zu können. Eine andere Lage entsteht, wenn ein Schuldner nicht zahlt und die Forderung an Wert verliert. Das ist ein Kreditausfallverlust. Die Bank of England unterscheidet diese Risiken. Die Summe der Vermögenswerte allein zeigt daher nicht, ob sofortige Auszahlungen möglich sind. Dazu müssen auch die Qualität der Vermögenswerte und die Zahlungstermine berücksichtigt werden. [3]

Vereinbart ein Kunde von Anfang an eine spätere Auszahlung, hat die Bank eine andere Verpflichtung als bei einem jederzeit verfügbaren Konto. Die Bank of England erklärt, weshalb stabilere und befristete Finanzierung das Risiko plötzlicher Abzüge verringert. Beim Vergleich mit Mises dürfen wir deshalb nicht jeden solchen Anspruch automatisch als sofort einlösbares Ersatzmittel einordnen. Lies die tatsächlichen Bedingungen: Wann kann die Auszahlung verlangt werden, mit welcher Verzögerung und welchen Kosten? Der Produktname beantwortet das nicht. [3] [1]

Zweifelt der Händler an der Auszahlung, akzeptiert er den Beleg vielleicht nur mit Abschlag oder gar nicht. Die ursprüngliche Voraussetzung, dass der Anspruch vorbehaltlos für das versprochene Geld steht, entfällt. Mises trennt deshalb zweifelhafte Forderungen und ausgesetzte Einlösung von der ursprünglichen Kategorie. Nicht alles uneinlösbare Geld ist automatisch Fiduciary Media. Wir müssen angeben, was gegen was getauscht werden sollte und ob die Menschen beides wirklich als gleichwertig betrachteten. [1]

Im Netzwerk Bitcoin überträgst du Bitcoin (BTC) nach dem Protokoll, also den Regeln des Netzwerks, ohne das Versprechen eines Herausgebers zu brauchen, sie gegen etwas anderes einzutauschen. Ein als BTC bezeichnetes Guthaben bei einem Dienst kann dagegen lediglich dessen Zusage einer späteren Auszahlung sein. Die historische Unterscheidung hilft beim Fragenstellen, liefert aber kein automatisches Urteil. Vor der Einordnung als Fiduciary Media brauchen wir die Art des Anspruchs, Auszahlungsbedingungen, sämtliche Verpflichtungen und die Reserve. Eine Zahl in einer App beweist weder die Kontrolle über eigene Münzen noch die Deckung des Dienstes. [4] [1]

Für ein möglichst vollständiges Bild lies diesen Eintrag zusammen mit Credit Expansion, Credit risk, Fiatgeld, Counterparty risk, Cashu, Bitcoin. Auf diesen Eintrag verweisen außerdem Credit Expansion, Regression Theorem, Commodity Money, Free Banking.

DOC · 001Mises — Human Action, XVII.11–12Primärquelle DOC · 002Mises — The Two Ways of Issuing Fiduciary MediaPrimärquelle DOC · 003Bank of England — Money creation in the modern economyPrimärquelle DOC · 004Nakamoto — Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash SystemPrimärquelle
Überarbeitet: Quellenbasiert · Keine Anlageberatung