Ein Moving average, ein gleitender Durchschnitt, fasst eine Preisreihe zu einem laufend neu berechneten Wert zusammen. Verbindet man diese Werte, entsteht eine Linie, die einzelne Schwankungen glättet und längere Entwicklungen lesbarer macht. Es gibt mehrere Berechnungsweisen; keine kennt von sich aus den nächsten Preis.
Petr fügt seinem Chart einen Moving average hinzu und merkt, dass die Linie seines Freundes anders aussieht. Zuerst vergleichen sie die Einstellungen. TradingView bietet unter anderem SMA, einen einfachen Durchschnitt, und EMA, einen exponentiellen Durchschnitt mit höherem Gewicht für neuere Daten. Auch die Eingabe zählt: Close ist der Schlusskurs einer Kerze, High ihr Höchstkurs. Der Durchschnitt von Höchstkursen beantwortet eine andere Frage als der von Schlusskursen, selbst wenn die Linien ähnlich aussehen. [1]
Beim SMA verschiebt sich das Fenster ausgewählter Preise: Ein neuer Wert kommt hinzu, der älteste fällt heraus. So beschreibt es TradingView. Der EMA verbindet laut Fidelity dagegen den neuen Preis mit dem vorherigen Ergebnis. Ältere Preise wirken weiter, allerdings mit allmählich abnehmendem Einfluss. Dieselbe Längeneinstellung gibt beiden Rechnungen deshalb nicht dasselbe Gedächtnis. Beim EMA spielt auch der Ausgangswert eine Rolle, mit dem die Berechnung begonnen hat. [1] [3]
Petr sieht einen niedrigeren letzten Preis, obwohl der SMA steigt. Das ist kein Widerspruch: Der von Fidelity beschriebene einfache Durchschnitt umfasst das gesamte ausgewählte Fenster. Bei dessen Verschiebung zählen sowohl der neue als auch der ausscheidende Preis. Ersetzt der neue Preis einen noch niedrigeren alten Wert, kann der Durchschnitt steigen. Das Beispiel unten zeigt genau diesen Fall. Die Richtung des Durchschnitts beschreibt also nicht nur die jüngste Preisänderung. [2]
Petr verlängert den Zeitraum, und die Linie wird ruhiger. Fidelity weist beim SMA darauf hin, dass stärkeres Glätten mit mehr Verzögerung einhergeht. Ein EMA vergleichbarer Länge betont neue Preise stärker; seine Empfindlichkeit kann aber auch mehr kurzfristige Richtungsänderungen mit sich bringen. Eine schnellere Linie ist daher nicht automatisch genauer. Die Wahl bestimmt, welche Bewegungen deutlicher hervortreten, beseitigt aber nicht die Unsicherheit über den weiteren Marktverlauf. [2] [3]
Petr wechselt vom Stundenchart zum Tageschart, und der Durchschnitt erzählt eine andere Geschichte. TradingView nennt das Zeitintervall einer Kerze Timeframe. Bei gleicher Zahl von Werten erfasst die Rechnung nun einen deutlich längeren Verlauf. Lesen Sie die Länge deshalb zusammen mit dem Zeitrahmen und prüfen Sie Datenlücken. Die Zahl verfügbarer Beobachtungen darf nicht ungeprüft mit ebenso vielen Kalendertagen gleichgesetzt werden. [4]
Bis eine Kerze geschlossen ist, kann sich ihr Close ändern. TradingView erklärt diese Eigenschaft von Live-Daten: Verwendet der Durchschnitt diesen Wert, bewegt sich auch sein jüngster Punkt. Petr kann während des Intervalls eine Kreuzung zwischen Preis und Linie sehen, die vor dem Ende wieder verschwindet. Eine Regel auf Basis abgeschlossener Schlusskurse muss den Schluss abwarten; sonst würde sie eine andere Situation bewerten. [5]
TradingView kann einen Moving average mit Offset im Chart nach vorn oder hinten verschieben. Dadurch ändert sich die Zeichenposition, nicht der Zeitpunkt, zu dem die Eingangsdaten bekannt waren. Eine Linie vor dem aktuellen Preis ist deshalb für sich genommen keine Vorhersage. Bei einem historischen Test muss Petr prüfen, ob ihm die nötigen Daten zum damaligen Entscheidungszeitpunkt bereits vorgelegen hätten. [1]
Manche Händler nehmen Berührungen oder Kreuzungen eines Moving average zum Anlass, einen Handel zu erwägen. Damit sind Ausstieg, Positionsgröße, erreichbarer Preis und Kosten noch nicht festgelegt. TradingView beschreibt beim Strategietest auch overfitting: das Anpassen einer Regel an Zufälle einer bestimmten Vergangenheit. Petr braucht deshalb genaue Regeln und einen Test an getrennten Daten. Die berechnete Linie ist keine feste Preisbarriere; ein schöner historischer Verlauf garantiert keinen künftigen Gewinn. [6]
Preis abwärts, Durchschnitt aufwärts
Fiktive Schlusskurse abgeschlossener Kerzen lauten 100000, 100020 und 100040 USD/BTC. Ihr SMA beträgt (100000 + 100020 + 100040) / 3 = 100020 USD/BTC. Die nächste Kerze schließt bei 100030 USD/BTC. Der älteste Wert entfällt, und das neue Fenster ergibt (100020 + 100040 + 100030) / 3 = 100030 USD/BTC. Der letzte Preis liegt unter seinem Vorgänger, ersetzt im Durchschnitt aber einen noch niedrigeren alten Preis. Deshalb steigt der Durchschnitt. Die Zahlen dienen der Veranschaulichung und sind weder aktuelle Kurse noch eine Handelsempfehlung.
Für ein möglichst vollständiges Bild lies diesen Eintrag zusammen mit Technical indicator, Simple moving average, Exponential moving average, Moving average crossover, Timeframe, Backtesting. Auf diesen Eintrag verweisen außerdem Technical analysis, Timeframe, Technical indicator, Simple moving average.
01Liefern SMA und EMA gleicher Länge dasselbe Ergebnis?+
Im Allgemeinen nicht. Der SMA gewichtet die Werte seines Fensters gleich, während der EMA neueren Preisen mehr Gewicht gibt und auf dem vorherigen Ergebnis aufbaut. Auch der Start der Berechnung zählt. Eine zufällige Übereinstimmung bedeutet nicht, dass beide Verfahren dasselbe berechnen.
02Kann ich mich darauf verlassen, dass der Preis am Durchschnitt abprallt?+
Nein. Ein gleitender Durchschnitt wird aus Daten berechnet und ist keine garantierte Kursstütze. Für einen Test müssen Sie vorab definieren, was als Abprallen gilt, wann Sie ein- und aussteigen würden und welche Kosten anfielen. Erst dann lässt sich die Regel prüfen, weiterhin ohne Gewissheit über künftige Ergebnisse.