Bollinger Bands bestehen aus einem gleitenden Durchschnitt in der Mitte und zwei äußeren Linien. Deren Abstand bestimmt die Standardabweichung: Sie beschreibt, wie weit die ausgewählten Preise um ihren Durchschnitt streuen. Bei unveränderten Einstellungen verbreitert eine größere Streuung die Bänder. Neue Daten können auch ihre Mitte verschieben.
Petr schaltet in TradingView die Bollinger Bands ein und sieht drei Linien um den Bitcoin-Kurs. In der klassischen Berechnung bildet eine SMA die Mitte: ein einfacher Durchschnitt im gewählten Zeitfenster, bei dem jeder Preis gleich viel zählt. Zur oberen Grenze wird ein Vielfaches der Standardabweichung addiert, für die untere wird es abgezogen. Diese Abweichung wird aus den Preisen selbst berechnet, nicht aus der bereits geglätteten Durchschnittslinie. Mit neuen Daten verschiebt sich der Korridor und verändert seine Breite. Er ist keine vorgezeichnete Bahn, der Bitcoin folgen müsste. [2]
John Bollinger nennt 20 Perioden und einen Abweichungsfaktor von 2 als Standardeinstellung. Eine Periode ist hier ein Zeitabschnitt im Chart: Zwanzig Stundenkerzen zeigen etwas anderes als zwanzig Tageskerzen. Beim Vergleich zweier Charts prüft Petr deshalb auch den Markt, die Preisquelle und die Berechnung der Abweichung. Andere Einstellungen beantworten eine andere Frage. Die Standardwerte helfen beim Kennenlernen des Werkzeugs; sie beweisen nicht, dass sie für jeden Markt am besten geeignet sind. [1]
Fidelity erklärt die Bandbreite anhand der Volatilität, also der Schwankungen des Preises. Streuen die Preise im gewählten Fenster stärker und bleibt der Faktor gleich, rücken die Grenzen auseinander. Liegen sie näher am Durchschnitt, werden die Bänder schmaler. Petr erfährt damit etwas über die beobachteten Schwankungen, nicht über die Richtung der nächsten Bewegung. Ein enger Korridor verspricht keinen Anstieg, ein breiter kündigt nicht automatisch einen Rückgang an. [3]
Petr sieht den Kurs an der unteren Linie und denkt, Bitcoin sei günstig. John Bollinger unterscheidet jedoch ausdrücklich zwischen einer Bandberührung und einem Handelssignal. Niedrig ist der Preis hier im Verhältnis zum gewählten Zeitfenster, nicht unbedingt zum wirtschaftlichen Wert von Bitcoin. In einem anhaltenden Abwärtstrend kann er der unteren Grenze weiter folgen oder darunter fallen. Auch die obere Linie ist deshalb nicht automatisch ein Verkaufsgrund. Die Linien beschreiben ein Verhältnis zur Vergangenheit; sie bilden kein Hindernis für den Kurs. [1]
Petr erinnert sich aus der Statistik, dass Standardabweichung und Wahrscheinlichkeit zusammenhängen. John Bollinger warnt gerade vor diesem Kurzschluss. Bestimmte statistische Aussagen setzen Annahmen über die Verteilung der Daten voraus; der Name einer Berechnung erfüllt diese Voraussetzungen nicht. Kurse müssen nicht der bekannten glockenförmigen Normalverteilung folgen. Ein kurzes Zeitfenster schafft außerdem keine Gewissheit über die Zukunft. Die Bänder sind weder ein zugesicherter Bereich künftiger Preise noch eine Versicherung gegen Verlust. Auch der Faktor zwei gibt diese Garantie nicht. [1]
TradingView bietet zusätzlich %b an, das die Lage des Preises gegenüber den Bändern ausdrückt. Vom aktuellen Preis wird die untere Grenze abgezogen. Das Ergebnis teilt man durch die Breite des Korridors, also obere minus untere Grenze. Der Wert 0 steht für den unteren, 1 für den oberen Rand. Liegt der Preis außerhalb der Bänder, kann auch das Ergebnis außerhalb dieser Werte liegen. Petr misst damit die Position, nicht die Breite oder eine Gewinnwahrscheinlichkeit. Fallen beide Grenzen zusammen, ist der Quotient nicht definiert: Durch null kann man nicht teilen. [4]
Tagsüber sieht Petr den Kurs aus dem Band treten; abends sieht das Bild anders aus. TradingView erläutert, dass Close bei einer noch offenen Kerze den jeweils letzten Preis bezeichnet. Eine Kerze fasst einen Zeitabschnitt zusammen, dessen endgültiger Schlusskurs noch nicht bekannt ist. Verwendet die Berechnung Close, können sich bis zum Kerzenschluss sowohl der Preis als auch die Grenzen ändern. Eine Berührung während der Kerze und ein Schluss außerhalb des Bands sind verschiedene Ereignisse. Im historischen Chart bleiben nicht alle zwischenzeitlichen Zustände sichtbar. [5]
Petr könnte auf eine Rückkehr zur Mitte setzen oder auf eine Fortsetzung nach dem Ausbruch aus dem Korridor. Das sind unterschiedliche Annahmen; der Name Bollinger Bands bestätigt keine davon. Die Strategiedokumentation von TradingView trennt die Chartberechnung von der Simulation einer tatsächlichen Ausführung. Ein Test muss Gebühren und Slippage berücksichtigen, also den Unterschied zwischen erwartetem und erreichtem Preis. Dazu kommt overfitting: Eine an vergangenen Daten ausgefeilte Einstellung kann mit anderen Daten scheitern. Tests mit Daten, die nicht zum Anpassen verwendet wurden, sind hilfreich. Künftige Gewinne garantieren auch sie nicht. [6]
Gleicher Durchschnitt, andere Breite
Für ein möglichst vollständiges Bild lies diesen Eintrag zusammen mit Moving average, Simple moving average, Technical indicator, Volatilität, Bollinger squeeze, Backtesting. Auf diesen Eintrag verweisen außerdem Bollinger squeeze, Price Channel.
01Ist Bitcoin am unteren Band automatisch günstig?+
Der Kurs ist im Verhältnis zum gewählten Zeitfenster und den Einstellungen niedrig. Das ist weder ein Beleg für einen günstigen Kauf noch für eine sichere Trendwende. Ein Rückgang kann entlang der Grenze oder darunter weitergehen. Das Band sagt nicht, welchen Verlust Sie tragen können oder welchen Wert Bitcoin haben sollte.
02Garantiert der Faktor zwei eine Rückkehr ins Band?+
Nein. Er bestimmt den Abstand der Grenzen vom Durchschnitt. Daraus folgen weder die Verteilung künftiger Preise noch die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr. Wer darauf handeln möchte, muss diese eigenständige Annahme einschließlich ihrer Kosten testen.