Pseudonymität bedeutet, unter einer wiedererkennbaren Kennung statt unter dem tatsächlichen Namen aufzutreten. Bei Bitcoin können Adressen und öffentliche Schlüssel diese Rolle übernehmen. Transaktionen sind öffentlich; ob sich Beteiligte bestimmen lassen, hängt auch von weiteren verfügbaren Informationen ab.
Anna schreibt unter dem Namen Nordstern einen Blog. Leser erkennen ihre Beiträge, ohne unbedingt ihren wirklichen Namen zu kennen. Ähnlich kann eine Bitcoin-Adresse funktionieren: Man erkennt Zahlungen, die zu einer Kennung gehören, in der kein bürgerlicher Name steht. Das ist Pseudonymität. Anna veröffentlicht auf ihrem Blog eine Spendenadresse. Leser können nun Eingänge an dieser Adresse verfolgen. Verknüpft Anna später den Blog mit ihrem Namen, wird auch die bereits sichtbare Zahlungshistorie mit ihr verknüpft. Niemand musste eine Verschlüsselung knacken. Eine neue Information hat zwei zuvor getrennte Dinge verbunden. Schon das Bitcoin Whitepaper warnt davor, dass eine aufgedeckte Verbindung auch andere Transaktionen zuordnen helfen kann. [1] [2]
Eine Bitcoin-Adresse gibt der Wallet vor, welche Ausgabebedingungen sie für einen neuen Transaktionsausgang festlegen soll. Sie ist weder die Registrierung einer Person noch eine Ausweisnummer. Ein Transaktionsausgang hält einen Betrag und die Bedingungen fest, unter denen er ausgegeben werden darf. Anna kann viele Adressen nutzen, und mehrere Menschen können eine gemeinsame Wallet verwalten. Ein privater Schlüssel ist eine geheime Information, mit der die Wallet eine digitale Signatur zur Freigabe einer Zahlung erzeugt. Ein Public Key, also ein öffentlicher Schlüssel, dient zur Prüfung digitaler Signaturen, nicht des Nachnamens der unterzeichnenden Person. Eine gültige Signatur belegt die Verwendung des zugehörigen privaten Schlüssels. Sie unterscheidet für sich allein nicht zwischen Anna, einem Verwahrer und einem Dieb, der diesen Schlüssel erlangt hat. Verfügungsgewalt und rechtliche Identität sind deshalb verschiedene Fragen. [4]
Verwendet Anna ihre Blogadresse auch auf beruflichen Rechnungen, verbindet sie selbst zwei Lebensbereiche. Leser sehen weitere Eingänge an derselben Adresse, wissen aber vielleicht nicht, welcher eine Spende und welcher eine Kundenzahlung war. Eine neue Empfangsadresse für jede Zahlung begrenzt diese einfache Verknüpfung. Eine übliche Wallet kann viele Adressen ohne neues Konto erzeugen und verwaltet sie meist unter derselben Sicherung. Eine neue Adresse ist allerdings keine neue Identität mit garantierter Anonymität. Andere Hinweise können zeigen, dass verschiedene Adressen von derselben Person verwendet werden. [2]
Angenommen, Anna kauft Bitcoin an einer Börse, die ihre Identität durch KYC geprüft hat. Die Börse kennt ihr Konto und die für eine Auszahlung angegebene Adresse. Die Auszahlung allein beweist noch nicht, dass Anna die Zieladresse kontrolliert: Sie könnte das Geld an jemand anderen geschickt haben. Die Börse kennt aber einen konkreten Zusammenhang, den ein zufälliger Blogleser nicht kennt. Ein Händler wiederum kennt die Bestellung und gegebenenfalls eine Lieferadresse. Solche Daten werden weder automatisch in die Bitcoin-Transaktion geschrieben noch allen öffentlich zugänglich gemacht. Sie können deren öffentlichen Eintrag dennoch ergänzen. Privatsphäre muss deshalb gegenüber einem bestimmten Beobachter und anhand seines tatsächlichen Wissens beurteilt werden. [2]
Bitcoin bucht keine Beträge zwischen Konten um, die auf Namen geführt werden. Eine Zahlung verbraucht frühere noch nicht ausgegebene Ausgänge, sogenannte UTXO, und erzeugt neue. Ihre Beträge und Verbindungen sind öffentlich. Ein Beobachter sieht damit tatsächliche Beziehungen zwischen Transaktionen, muss aber oft erst erschließen, welche Menschen die jeweiligen Teile kontrollieren. Dieser Unterschied zählt: Eine öffentliche Aufzeichnung von Zahlungen ist keine fertige Eigentümerliste. Ein später bekannt gewordener Name kann auch lange zurückliegende Zahlungen in ein neues Licht rücken. Eine Adresse vom Blog zu entfernen löscht weder alte Transaktionen noch unbedingt gespeicherte Kopien des Blogs. [1] [4]
Eine Wallet bezahlt manchmal durch Zusammenlegen mehrerer UTXO und schickt den Überschuss als Wechselgeld, englisch change, an eine eigene Adresse zurück. Ein Analyst kann vermuten, dass die zusammengelegten Eingänge einem Eigentümer gehören, und abschätzen, welcher Ausgang das Wechselgeld enthält. So entstehen Gruppen mutmaßlich zusammengehöriger Adressen. Solche Verfahren sind Heuristiken: nützliche Schlussfolgerungen, keine Identitätsbeweise. CoinJoin und PayJoin erlauben beispielsweise mehreren Beteiligten, an einer Transaktion mitzuwirken. Auch eine überzeugend wirkende Adresskarte beweist daher nicht, dass Anna alle darin enthaltenen Adressen kontrolliert. Wie belastbar diese Aussage ist, hängt von weiteren Belegen ab. [6]
Anna möchte ihre Wallet in einer anderen Anwendung ansehen und exportiert einen XPUB, einen erweiterten öffentlichen Schlüssel. BIP 32 ordnet Schlüssel in Zweigen wie bei einem Baum an. Aus einem XPUB lassen sich weitere öffentliche Schlüssel seines Zweigs berechnen, aber nicht über einen gehärteten Ableitungsschritt hinweg: Dafür ist ein privater Schlüssel nötig. Mit den nötigen Angaben zum Adresstyp kann die Anwendung zugehörige Zahlungen verfolgen. Ein XPUB allein kann keine Ausgaben signieren, aber vergangene und künftige Aktivitäten dieses Zweigs offenlegen. Er zeigt nicht automatisch jede Wallet oder jedes Konto aus derselben Sicherung. Sein Einblick ist trotzdem deutlich umfassender als der einer einzelnen Adresse für einen Kunden. [3]
Sucht Anna ihre Adresse in einem Webexplorer, kann dessen Betreiber die Anfrage mit ihrer IP-Adresse, einer Kennung der Netzwerkverbindung, oder einem angemeldeten Konto verbinden. Ähnliche Daten kann der Server erhalten, über den ihre Wallet die Zahlungshistorie abruft. Diese Betriebsdaten sind nicht dasselbe wie die öffentliche Blockchain, können deren Einträge aber mit einer Person verknüpfen helfen. Ein Full Node ist ein Computer mit Software, die Bitcoin-Transaktionen und Blöcke selbstständig anhand der Netzwerkregeln prüft. Ein eigener Full Node verringert solche Anfragen an fremde Server, sofern die Wallet ihn tatsächlich verwendet. Tor kann die Offenlegung der IP-Adresse begrenzen; eine bereits veröffentlichte Verbindung zwischen Blog und Zahlung beseitigt es nicht. [2]
Eine Zahlung über das Lightning Network wird gewöhnlich nicht als eigene Transaktion in die öffentliche Blockchain geschrieben. Das beseitigt eine sichtbare Spur, bedeutet aber nicht, dass niemand etwas über die Zahlung weiß. Ein Lightning-Knoten ist ein Programm, das Zahlungskanäle verwaltet: Verbindungen, in denen zwei Parteien die Aufteilung der eingebrachten Mittel laufend aktualisieren. Der Knoten nutzt einen öffentlichen Schlüssel als Kennung und kann seine öffentlichen Kanäle im Netzwerk bekannt machen. Aus einer BOLT 11-Zahlungsanforderung lässt sich die Kennung des Empfängerknotens bestimmen; sie kann auch weitere Zahlungsdaten und Hinweise zum Weg dorthin enthalten. Sender, Empfänger und genutzter Dienst besitzen unterschiedliche Informationen. Wer die Anforderung veröffentlicht, kann einen Teil davon weiteren Menschen offenlegen, obwohl die Zahlung selbst außerhalb der Hauptkette stattfindet. [5] [7]
Bevor Anna eine Adresse veröffentlicht oder einer Anwendung Einblick in die Historie gewährt, kann sie sich fragen: Wer kann dadurch welche Informationen verbinden? Neue Adressen für einzelne Zahlungen, ein bewusster Umgang mit dem XPUB und Wissen über die Datenquelle der Wallet helfen dabei. Keiner dieser Schritte verspricht für sich allein vollständige Anonymität, und eine neue Einstellung löscht keine alten Verbindungen. Es geht darum, weniger unnötige Informationen zu teilen und vorhandene Zusammenhänge zu kennen. Das ist hilfreicher als die Annahme, eine lange Zeichenfolge könne einen Menschen von selbst verbergen. [2] [3]
Für ein möglichst vollständiges Bild lies diesen Eintrag zusammen mit Bitcoin-Privatsphäre, Bitcoin-Adresse, KYC, Address Clustering, Bitcoin, UTXO. Auf diesen Eintrag verweisen außerdem Bitcoin-Privatsphäre, KYC, The Crypto Anarchist Manifesto, A Cypherpunk’s Manifesto.